Zehn Kilometer Bürgersteig verwandeln sich in einen Flohmarkt • Houiller Braderie mit deutschem Bier

Treiben auf der Straße zum Bahnhof während der 40. Houiller Braderie (Foto: Sven Arnold)

Was bringt 2.000 Verkäufer und nahezu 300.000 Besucher alljährlich am ersten Sonntag im Oktober auf die Straßen der französischen Partnerstadt Houilles? Die Braderie, jener riesige Flohmarkt, der nach Lille als zweitgrößter in unserem Nachbarland gilt. Wie stets seit über 30 Jahren war eine Delegation aus Friedrichsdorf mit von der Partie. Mit Wein, Thüringer Bratwürsten und Bier vom Fass.

Auch während der mittlerweile 40. Braderie ist das Prozedere das gleiche: Um fünf Uhr morgens verwandelt sich die gesamte Innenstadt in einen Ameisenhaufen. Gut zwei Dutzend Straßen mit einer Gesamtlänge von zehn Kilometern werden von Helfern der Association des Commerçants et Artisans de Houilles (ACAH) – der Vereinigung der örtlichen Geschäftsleute – überwacht und in kleine Parzellen eingeteilt. An die 90 Frauen und Männer versuchen ihre Augen überall zu haben, dirigieren Autos, schlichten Streit und sind angesichts des Ansturms doch überfordert. Wer je einen gestressten Franzosen Autofahren sah, weiß, warum. Erst abends um 19 Uhr ist für sie Schluss, dafür gibt es als Dankeschön Fritten und Muscheln satt am Marktplatz.

Brigitte Arnold (links) und Marie-Rose Fleury grillen während der 40. Braderie in Houilles (Foto: Sven Arnold)

Die kleine Friedrichsdorfer Truppe kann sich am Morgen ein wenig mehr Zeit lassen, Bierfässer, Würste und alles, was sonst benötigt wird, haben Brigitte Arnold und ihre Helfer Dagmar Reichardt, Jens und Sven Arnold bereits am Abend zuvor in der Markthalle untergestellt. Die Bierfässer kühlen in der „Reserve“ des nahen Bistros „Forum“ vor sich hin und werden bei Bedarf geholt. Es wird warm, ein schöner sonniger Oktobertag. Vier Fässer werden am Ende des Tages leergezapft sein. Einzig der Wein entlockt den Franzosen gen Nachmittag das eine oder andere Stirnrunzeln, er ist trotz aller Bemühungen langsam nicht mehr kühl genug. Patrick Taglang verkauft ihn dennoch in unnachahmlicher Manier: Der liebenswerte Franzose, der seit einigen Jahren am Stand mithilft, scheint den Riesling aus dem Effeff zu kennen wie seine Blumenzüchtungen, die sonst sein Ein und Alles sind.

Erika Freppon, Marie-Rose Fleury und Brigitte Arnold grillen im Schweiße ihres Angesichts – sie kommen oft trotz aller Bemühungen kaum nach, wenn acht Würstchen und ebensoviele Gläser Bier und Wein möglichst sofort verlangt werden. Ein großes Hallo und freundliches Lachen erklingen, wenn das Anzapfen eines neuen Bierfasses ein wenig nass endet und sich eine Schaumfontäne über einen Teil des Standes ergießt.

Zahlreiche professionelle Händler sind auf den Straßen zu sehen, doch sie sind nicht in der Mehrzahl. Auch die Zahl der Stände, an denen es zu essen und zu trinken gibt – von der Schlagsahne-Waffel bis zum französisch angehauchten Döner ist alles zu haben – ist streng limitiert. Denn die Bürgersteige gehören den „Ovillois“, so nennen sich die Houiller Bürger selbst und es ist beinahe Ehrensache, allerlei Krimskrams auf einem Tisch oder einer Decke feilzubieten. Neues und Altes ist zu haben, von der Barbiepuppe bis zum altertümlichen Kronleuchter, von der Biedermeier-Kommode bis zum elektrischen Besenborstenschneider. Nicht umsonst nennt der Volksmund das Ereignis liebevoll, wenn auch mit scheinbar recht wenig Respekt „Le vide grenier“ – also die Dachboden-Leerung.

Houilles hat es auch Dank des Einflusses der ACAH geschafft, dass aus der Braderie keine austauschbare Gewerbemesse geworden ist wie in vielen anderen französischen Städten. „Wir haben ihren dörflichen Charakter bewahrt“, bestätigt ACAH-Präsident Moïse Ferreira. „Die Leute bauen ihre Stände auf, kaufen und verkaufen, man trifft alte Bekannte, es ist wie ein Feiertag“, sagt er.

 

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